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Ich, Pazuzu (eine kurzgeschichte)

#1 von pazuzu , 05.03.2011 11:51

habe ich im netz gefunden, mir gefällt sie.

Zitat
Ich, Pazuzu
Josella Simone Playton

Es gibt also Dämonen. Nichts ist zu dämlich, als daß Novak nicht doch noch einen Weg findet, es zu behaupten und es - wahrscheinlich - auch selbst zu glauben. Das Seltsame dabei ist, daß er sich in fast alles einarbeiten und es auch verstehen kann. Wenn ein SachVerhalt aber erstmal durch Novak's genialen Geist gedreht wurde, dann ist er kaum noch wiederzuerkennen. Der SachVerhalt, meine ich, nicht Novak. Ist das nun ein spektakuläres Versagen, eine spezielle Form der Dummheit, oder der Intelligenz, oder eine neue, geniale Art, die Dinge zu sehen?

Jetzt hat er gerade das Buch vom Ditfurth gelesen. "Der Geist fiel nicht vom Himmel". Der von Novak aber vielleicht doch. Und dabei ist er wohl beschädigt worden. Es ist ein klassisches Beispiel des KlangEffektes: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es gibt einen hohlen Klang, dann ist nicht unbedingt das Buch daran schuld.

Der Gedanke, von dem man ausgeht, ist einleuchtend. Im Laufe der Evolution der Wahrnehmung hat die Natur weitgehend das Prinzip befolgt, nur das allernotwendigste von den SinnesOrganen aufnehmen und weiterverarbeiten zu lassen. Nur das, was für die Existenz eines LebeWesens und seiner Bedürfnisse irgendwie von Relevanz ist. Die Evolution erzeugt keinen Luxus.

Das fängt schon damit an, daß das Prinzip 'Gewöhnung' überall reichlich Verwendung findet. Gewöhnung heißt zum Beispiel, permanente Wahrnehmungen aus der Umwelt wieder auszublenden, da diese wahrscheinlich nicht bedrohlich sind. Frischgeschlüpfte EntenKücken gewöhnen sich an den Anblick eigener, älterer ArtGenossen und lernen so, sie von RaubVögeln zu unterscheiden, die sie ja wesentlich seltener zu Gesicht bekommen. Wir selber spüren die AusWirkung dieses KonstruktionsPrinzips immer noch, wenn wir uns in ungewohnter Umgebung unbehaglich fühlen. Oder sei es auch nur, daß wir den Druck der Kleidung an einigen KörperStellen nicht spüren. Denn wir hätten nichts davon, wenn wir es täten. Auch die latente FremdenFeindlichkeit der meisten Menschen kommt daher.

Sogar auf dem Level einzelner WahrnehmungsZellen, etwa in der Retina, findet das Prinzip Anwendung. Viele Tiere können, obwohl sie über Augen verfügen, die in der Konstruktion den unseren gleichen, nur bewegte Dinge wahrnehmen. Ein unbewegtes Bild auf der Retina ermüdet die lichtempfindlichen Zellen, so daß das Bild nach kurzer Zeit verschwindet. Sogar beim Menschen gilt dies noch: Das menschliche Auge führt ständig rasche MikroVibrationen aus, die dafür sorgen, daß auch ein StilLeben ständig gesehen und wahrgenommen werden kann. Werden diese MikroVibrationen durch ein geeignetes NervenGift ausgeschaltet, dann wird sogar ein Mensch blind, solange sich nichts in seinem BlickFeld ändert oder bewegt.

Doch das Prinzip der selektiven Wahrnehmung ist noch viel umfassender. Sogar auf der höheren, symbolischen WahrnehmungsVerarbeitung hält es alles im Griff. Man macht es sich normalerweise garnicht klar, daß wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, sondern so, wie sie für uns eine Bedeutung hat.

Zunächst einmal sehen wir die Welt sowieso nicht so, wie sie objektiv und unabhängig von unserer Existenz existiert. Das wissen wir aus der NaturWissenschaft. Unsere SinnesOrgane sind begrenzt. Ultra- und InfraSchall können von Menschen nicht gehört werden. UltraViolett und InfraRot, RadioWellen und GammaStrahlen können sie weder sehen noch fühlen, teilweise nicht einmal dann, wenn sie bereits dabei sind, den eigenen Körper zu zerstören. Das AuflösungsVermögen der Augen und die Empfindlichkeit der Ohren ist begrenzt, und um hinter sich zu sehen muß man - welch ein AufWand! - den Kopf wenden. Das heißt, nicht einmal die eigene, unmittelbare Umgebung wird in allen Richtungen gleich gut wahrgenommen!

Andere, außergewöhnliche Bedingungen in unserer Umwelt werden ignoriert. So zum Beispiel die ganz einfache Tatsache, daß gewisse RaumRichtungen in unserer Umwelt vor anderen ausgezeichnet sind. Es gibt ein 'oben' und 'unten', weil wir uns in einem SchwereFeld befinden, dem wir normalerweise nicht entkommen können. Das ist eine ganz ungewöhnliche Situation - im allergrößten Teil des Universums hätten wir kein SchwereFeld, dessen Existenz wir so reibungslos und unauffällig in unser WeltBild eingebaut haben. Die Gewöhnung ist hier aber so heftig, daß den meisten Menschen, die der Schwerelosigkeit ausgesetzt werden, erst einmal schlecht wird.

Natürlich haben wir die Technologie und eine immer weiterentwickelte NaturWissenschaft, die es uns ermöglicht, Infrarot- und RöntgenKameras zu bauen, ElektronenMikroskope und Teleskope, RadioEmpfänger und GeigerZähler. Wo immer wir eine physikalische Wirklichkeit gefunden haben, da haben wir uns auch die Instrumente zu ihrer Beobachtung geschaffen und so die physikalischen Grenzen unserer WahrnehmungsFähigkeit weiter hinausgeschoben.

Soweit unsere physikalischen Beschränkungen. Aber nicht diese sind das eigentlich interessante. Was ist nämlich mit der subjektiven Bedeutung von Wahrnehmung? Das ist doch eine Qualität, die der wirklichen Welt überhaupt nicht zukommt. Warum beherrscht der Gedanke an Essen unser Bewußtsein so viel ausschließlicher, wenn wir hungrig sind als wenn wir uns gerade vollgefressen haben? Warum elektrisiert uns eine attraktiv aussehende Person des anderen Geschlechtes? Warum erscheint uns die Welt groß und weit und voller Möglichkeiten, wenn wir ausgeschlafen sind, und warum türmen sich Schwierigkeiten himmelhoch, wenn wir müde sind? Und warum gibt es Dinge, die uns einfach nicht interessieren, wie etwa das sprichwörtliche FahrRad, das in Amerika, und der ReisSack, der in China umfällt?

Das ist doch unsere wesentliche Einteilung der Welt: Solche Dinge, die interessieren, und solche, die es nicht tun. Die Dinge, die interessieren, werden noch eingeordnet je nachdem ob sie für uns in irgendeiner Art bedrohlich sind oder ob sie ein Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse sind. Das kann dann auch ein indirektes Mittel der Bedrohung und der Belohnung sein. HauptSache: es geht uns etwas an. Das ist unsere subjektiv empfundene Welt. So entstand die Einteilung aller Dinge in schlecht und gut, in interessant und uninteressant.

Und all diese Attribute werden von den verwandten Symbolen, die das Bewußtsein ausmachen, untereinander weitergegeben, ändern sich ständig durch die Folge des vielfachen GegenüberStellens von Symbolen und Begriffen, des 'NachDenkens'. Die Welt wird im Bewußtsein dauernd umgebaut und interpretiert. Und das ist ja auch das Wertvolle an jedem einzelnen Bewußtsein: Jeder interpretiert dieselbe, objektiv vorhandene Welt in ganz einzigartiger Weise anders als jeder andere. Keine zwei Menschen leben in genau derselben Welt. Es gibt soviele Weltbilder wie es Menschen und ihre LebensLäufe gibt. Es gibt soviele SinnGebungen, wie es Menschen gibt. Ein faszinierendes Universum von zahllosen Subjektivitäten!

Das ist ungefähr das, was Novak uns erzählt hat, aus seinen neugewonnenen Weisheiten aus jenem Buch. Im Prinzip eigentlich nichts überraschendes, denn jeder kann die Änderung der subjektiven Qualitäten der Welt an sich selbst beobachten, und jeder kann in endlosen StreitGesprächen mit anderen erfahren, daß subjektive Qualitäten bei jedem Menschen verschieden sind. Soweit kann man Novak auch noch folgen, oder dem Herrn Ditfurth.

Aber kein Eis ist zu dünn als daß Novak nicht auf dasselbe hinaustritt. Wenn die subjektive Bedeutung eines tatsächlich vor unseren Augen befindlichen Gegenstandes in weiten Grenzen schwanken kann, von der Situation, daß man ihn ganz einfach übersieht bis zu der Situation, daß er unser Denken fast ausschließlich beherrscht, dann, so Novak, wäre es ja naiv, anzunehmen, daß diese Breite der Schwankung der subjektiven Bedeutung nicht noch größer sein könnte. Daß zum Beispiel ein Gegenstand vor unseren Augen unsichtbar bleibt, weil das Gehirn sich weigert, ihn zur Kenntnis zu nehmen.

Ich bin sicher, das hat in dem Buch von Herrn Ditfurth nicht so drin gestanden. Wahrscheinlich hat Novak da etwas mit dem psychoanalytischen Begriff der Verdrängung verwechselt, jener Erscheinung, daß ein Mensch GedankenInhalte oder Informationen, die sein subjektives WohlErgehen bedrohen, nicht mehr zur Kenntnis nimmt, sie vergißt, eben 'verdrängt'.

Okay, das mag sein. Aber das analoge psychische Vorgänge einen Gegenstand vor meinen Augen, etwa einen Stuhl, verschwinden lassen würden, das glaube ich einfach nicht. Spätestens, wenn ich über den Stuhl stolpere, dann werde ich seine Existenz schon zur Kenntnis nehmen müssen. In dieser trivialen Weise hat jeder Gegenstand für uns eine potentielle Relevanz, und wir müssen ihn sehen. Weil ich über ihn stolpern kann. Sagte ich.

Nein, sagt Novak. Wenn der Stuhl nicht gesehen wird, dann hat das ja einen Grund. Es ist aus irgendeinem unbegreiflichen Grund so schrecklich, die Existenz dieses Stuhles zur Kenntnis zu nehmen, daß auch eine Kollision mit diesem Stuhl nicht bemerkt werden würde. Wahrscheinlicher ist es jedoch, daß man automatisch um diesen Stuhl herumgehen würde, ohne an ihn zu stoßen, und daß, wenn man aufgefordert werden würde, sich dorthin zu stellen, wo der Stuhl steht, man sehr plausible Gründe finden würde, genau das unter den gegenwärtigen Umständen nicht tun zu können.

Dann meinte Novak weiter, daß das NichtZurkenntnisnehmen eines Gegenstandes bei einem Individuum im Laufe seines Lebens nur schwer erlernt werden kann, da es ja ganz unzweifelhaft einen gewaltigen psychischen und intellektuellen Aufwand erfordere. Viel wahrscheinlicher sei es, daß es im Laufe der Evolution Dinge gegeben habe, deren Wahrnehmung dem Individuum schwere Nachteile gebracht habe, so schwerer Nachteile, daß die Verdrängung dieser Wahrnehmung ein deutlicher EvolutionsVorteil war. Dann ist es tatsächlich möglich, daß im Laufe der JahrMillionen die WahrnehmungsFähigkeit der Mitglieder einer solcherart betroffenen Rasse in dieser Hinsicht tatsächlich ausgeschaltet worden ist. Eine Leistung, deren neuronale Implementation wahrscheinlich im ZwischenHirn zu suchen sei, da es ja sowieso alle hereinkommenden Wahrnehmungen zensiere und attributiere und für alle InstinktHandlungen verantwortlich sei.

Soweit Novak. Wie wir auch diskutierten, Novak war nicht von dieser Idee abzubringen. Das macht es ja so interessant, Novak zu einer Party einzuladen: Man braucht sich nicht um die Unterhaltung der eigenen, attraktiven und appetitlichen Begleitung zu kümmern - Novak macht das schon. Er unterhält alle.

Dann trug Bert noch die Idee bei, daß man diese WahrnehmungsVerdrängung schon durch die geeignete Manipulation der gesprochenen Sprache erreichen könne. Ein gutes Beispiel sein die Sprache 'NeuSprech', aus dem Roman '1984', oder auch nur etwa solche Kleinigkeiten wie etwa die Existenz des grammatikalischen Geschlechtes, das, obwohl es mit dem biologischen Geschlecht überhaupt nichts zu tun hat, jedem Begriff eine geschlechtliche Färbung gebe. Novak fand, daß das keine guten Beispiele waren, weil in beiden Fällen ein intelligentes Individuum durchaus in der Lage ist, diese Manipulation des Denkens und Wahrnehmens zu durchschauen. Er dachte tatsächlich an eine WahrnehmungsBeschränkung, die man auch mit äußerster intellektueller Anstrengung nicht zu durchschauen vermag. Denn wäre die vollständige WahrnehmungsVerdrängung eine erworbene Leistung des Individuums, dann wäre es diesem Individuum mit Leichtigkeit möglich, in dem Moment, in dem es auf die verdrängte Wahrnehmung hingewiesen wird, sich für diesen Sachverhalt zu interessieren und allein dadurch schon die WahrnehmungsVerdrängung augenblicklich aufzuheben.

Im Laufe der folgenden Diskussion wurde immer mehr die Frage aufgeworfen, was es denn nun sein könnte, was wir nicht zur Kenntnis nähmen, selbst, wenn es konkret vor unseren Augen stände. Die Gäste waren alle schon etwas angeheitert, und entsprechend unernst waren die Vorschläge. Novak jedoch schien völlig nüchtern. Er sagte, das sei doch klar:

Was wir uns weigern, zur Kenntnis zu nehmen, das wäre die Existenz von Dämonen, die, allgegenwärtig und äußerst zahlreich, unser menschliches Treiben beobachten.

In zahllosen Sagen und ÜberLieferungen sei diese Information, daß es Dämonen gäbe, ja noch vorhanden, ein Echo aus jener Zeit, als die WahrnehmungsVerdrängung dieser Dämonen noch nicht vollständig war. Auch in unserem UnterBewußtsein sei noch ein Schatten, der sich ab und zu ins Bewußtsein dränge. Haben wir nicht Angst, nachts allein im Wald, oder auf den FriedHof, oder zwischen dunklen Gemäuern, die sogar das MondLicht abschirmen? Novak war völlig ernst bei diesen Erläuterungen. Mir wäre es nicht gelungen, bei diesem BlödSinn keine Miene zu verziehen.

Nein, sagte die Gabi, das sei es nicht. Sie habe auch das Buch vom Ditfurth gelesen, und sie könne sich genau daran erinnern, was der Ditfurth über die GespensterAngst gesagt habe: Das sei die ZwischenHirn-Repräsentation des nächtlichen RaubTieres, vor dem der Urmensch Angst gehabt habe, weil es in der Nacht besser sehen könne als er selbst. DunkelAngst war auf einer Welt, in der es RaubTiere gab, die nachts besser sehen können, ein ÜberlebensVorteil, ein wirksames SelektionsKriterium. Wirksam genug, Menschen mit DunkelAngst im Laufe der Äonen prozentual anzureichern.

Das waren zwar nicht genau die Worte der Gabi, aber doch so ungefähr dem Sinn nach. Es wundert mich ohnehin, daß sie so ein Buch jemals gelesen hat. Normalerweise hat sie eine WahrnehmungsVerdrängung gegenüber allem, das dem KomplexitätsGrad einer FernsehprogrammZeitschrift übersteigt. Man lernt eben immer wieder dazu bei den Frauen.

Doch, das sei es doch, sagte der Novak. Die agressive Beherrschung der Umwelt, die sich etwa in dem Jagen und Bekämpfen von RaubTieren darstellt, sei dem prähistorischen Menschen schon sehr früh und sehr gut gelungen. Schließlich sei Aggression ja das, was dem homo sapiens am allerbesten gelinge. Es sei unplausibel, daß diese, schon vor JahrHunderttausenden erreichten Erfolge sich nicht durchgeschlagen hätten auf unsere Psyche. Nein, das nächtliche RaubTier war nie das primäre Problem der Urmenschen gewesen und unseres auch nicht. Das primäre Problem sei der Dämon.

Ich muß sagen, solche Überlegungen sind angenehm gruselig. Als ich ihn daraufhin befragte, meinte Novak, es sei wahrscheinlich, daß in diesem Moment tatsächlich mit uns zusammen Dämonen im Zimmer seien und unserer Unterhaltung zuhörten.

Aber sie können uns doch wohl nichts tun, fragte die Sylvia. Doch, meinte Novak, sie können. Schließlich seien sie genauso materiell wie wir. Und gelegentlich täten sie es auch, aber, da wir dieser essentiellen WahrnehmungsBeschränkung unterliegen, würden wir einen Schaden, der einem Menschen durch einen Dämon zugefügt wird, automatisch immer auf andere Ursachen schieben. Wir könnten garnicht anders. Immer noch würden wir einen Dämon, der vor unseren Augen handelt, auch mit allergrößter Anstrengung nicht sehen können. Das gleiche gilt für einen photographierten oder gefilmten Dämon, oder einen auf einer VideoAufnahme. Es muß Millionen photographischer Beweise für die Existenz von Dämonen geben, die wir aus den gleichen Gründen nicht als solche erkennen können.

Manchmal habe ich Angst, was Novak als nächstes lesen und interpretieren wird. Wenn er bei dem Autor Ditfurth bleiben wird, dann werden wir als nächstes ausführlich über die InnenAnsichten des Artgenossen Novak informiert werden. Aber dann wurde es wirklich Zeit, einmal den Unsinn zu beenden.

Wenn er, Novak, das Buch von dem Ditfurth richtig gelesen hätte, dann müßte ihm doch aufgefallen sein, daß alle Eigenschaften eines LebeWesens im Laufe der Evolution sich aus elementarer Notwendigkeit oder AusFüllen einer sich plötzlich auftuenden ökologischen Nische ergeben. Das gilt für körperliche wie für geistige Eigenschaften. Das jedenfalls war der grundlegende Tenor des Buches. Wo, bitteschön, sei dies bei den Dämonen gegeben, selbst wenn man zugestehen wollte, daß wir uns an sie angepaßt haben, indem wir sie nicht wahrnehmen können?

Novak meinte, das sei doch klar. Für sie sei es ein elementarer Vorteil, wenn wir sie nicht sähen. Sie hätten sich evolutionär dahingehend entwickelt, daß ihr bloßer Anblick uns vielleicht sogar töten könnte. Also sehen wir sie nicht, um am Leben zu bleiben. Die Dämonen haben diese Eigenschaft eines entsetzlichen Anblickes genau aus demselben Grunde wie andere Spezies aus Tier- und PflanzenReich ihre TarnFarbe. Zum Beispiel. Was die Dämonen und uns betrifft, so hätten ihre und unsere Eigenschaften sich eben zusammen evolutionär entwickelt. Es handelt sich um eine Symbiose. Sie leben von uns. Wie genau, wußte Novak auch nicht zu sagen. Vielleicht waren sie relativ unbeweglich, und jeder von uns trüge einen mit sich herum. Oder sie saugen Blut, so, wie man das in billigen VampirFilmen sieht. Ja, vielleicht sei der Begriff des Vampirs auch eine der archaischen Erinnerungen aus der Zeit, als die Menschen die Dämonen noch von Angesicht zu Angesicht kannten. Welche dieser archaischen Vorstellungen nun am meisten zuträfe, das könne er, Novak, doch nun wirklich nicht sagen.

Also, mir ist das alles sehr akademisch vorgekommen. Aber sprich Novak auf welchen Aspekt der Sache auch immer an, er wird immer eine Antwort finden.

Wenn die Dämonen sehr zahlreich sind, ist dann eventuell einer mit zum Mond geflogen, damals, bei den Apollo-Missionen? Was ist mit den BahnAbweichungen, die sich unvermeidlich bei ein paar Kilo extra an Bord einstellen müssen? Natürlich hat Novak eine Antwort. Die Abweichungen der MeßergEbnisse werden von den ZwischenHirnen der beteiligten Techniker als durch Dämonen verursacht erkannt und ignoriert oder anders erklärt. Es wird ein anderer Grund gefunden. Unvermeidlich. Immer. Außerdem sind die Dämonen keine SelbstMörder, bei allzu gefährlichen Missionen fliegen sie nicht mit. Vermutet Novak.

Naja, sterblich sind sie dann jedenfalls, auch wenn man sie nicht bekämpfen kann. Fast ein Trost. Dämonen sind nicht aus einer jenseitigen Welt. Außerdem - natürlich müssen sie sterblich sein. Andernfalls wären sie keinen evolutionären Vorgängen unterworfen, und wir haben ja eben gehört, daß Mensch und Dämon das Ergebnis einer Co-Evolution sind. Novak stellt das so dar, als ob es beruhigend wäre. Aber was nützt es, wenn Dämonen auch den RandBedingungen einer physischen Existens unterliegen, wenn man sie nicht sieht? Nichts, sagt Novak, nützt es. Jedenfalls nicht dem Menschen.

Als wir wieder auf die Evolution kommen, gibt es ein StreitGespräch. Diesmal liegt das wieder am üblichen Grund bei diesem Thema. Man sollte kaum glauben, wieviele angeblich gebildete Leute den Mechanismus der Evolution nicht erläutern können, weil sie ihn nicht verstanden haben. Dabei sieht man doch evolutionäre Vorgänge auf wesentlich kürzerem ZeitMaßstab heute schon beim MarktVerhalten mancher Produkte und DienstLeistungen. Novak scheint auch eingeschnappt zu sein. Dummheit verträgt er nicht. Man muß immer soviel erklären, bevor man zu dem kommt, was man eigentlich sagen wollte, und manchmal kommt man nicht einmal dazu. Trotzdem kommt Novak noch dazu, einen beunruhigenden GesichtsPunkt hinzuzufügen: Es könne durchaus sein, daß die Dämonen in der letzten Phase der Evolution regulierend und beschleunigend in dieselbe eingegriffen hätten, indem sie zum Beispiel bevorzugt Individuen ausmerzen, die rudimentär von der Anwesendheit der Dämonen noch Kenntnis oder WahrnehmungsReste haben. Das hieße, daß sie bei dem Menschen züchtend eingegriffen haben.

Das Gespräch driftet weiter. Wie kann man Dämonen denoch erkennen? Novak meint, bei einem Menschen mit gesundem Gehirn sei das ganz unmöglich. Beim Vorliegen einer organischen HirnSchädigung etwa, oder bei bestimmten Vergiftungen und bestimmten RauschMitteln sei der DurchBruch möglich. Die dann einsetzende Wahrnehmung der Anwesendheit von Dämonen werden dann aber im Allgemeinen als Halluzination bezeichnet und etwa routinemäßig unter die üblichen Symptome der Schizophrenie eingeordnet.

Reicht Alkohol aus, um Dämonen zu sehen? Nein, sagt Novak, nicht in Mengen, die man ohne LebensGefahr zu sich nehmen kann. Bei den Spätfolgen von Alkoholismus sei aber eine rudimentäre Wahrnehmung schon möglich. Wie überhaupt bei pathologischen BewußtseinsZuständen eine solche rudimentäre Wahrnehmung möglich sei - eine volle, klare Wahrnehmung der Dämonen müsse er ausschließen. Das sei einfach nicht mit einem arbeitenden Bewußtsein vereinbar.

Die ersten Gäste gehen. Alle sind angenehm von leichtem Grausen erfüllt. Sicher werden sie sich draußen, in den dunklen Straßen, gegenseitig auf Dämonen, die böse von den DachRinnen runterspähen, aufmerksam machen und sich enorm komisch vorkommen. - 'Alkohol delectat, wenn man ihn trinkt, dann schmeckt dat.' - Das muß man mit Toleranz zur Kenntnis nehmen.

Der Kreis wird kleiner, und das Thema wird intensiver diskutiert. Rudolf hat die Idee, daß, wenn man die Dämonen unter keinen Umständen sehen und so angreifen kann, man etwas anstellen müsse, das praktisch alle im Raume verletze, und daß man dann aber dafür sorgen müsse, daß man alle Anwesenden gerade noch aus der GefahrenZone herausbringe.

Zwecklos, sagt Novak. Die Dämonen sind intelligent. Sie denken mit dem Menschen durchaus mit und würden ein solches Experiment leicht durchschauen. Und selbst wenn man einen Dämon erledige, was nützt das, in einer Welt, die vielleicht von ebensovielen Dämonen wie Menschen bewohnt werde?

Wieso, frage ich, findet man nie die Leiche eines Dämons, wenn sie sterblich sind? Novak: Solange die sterblichen ÜberReste eines Dämons als solche zu erkennen sind, erstreckt sich unsere WahrnehmungsBeschränkung auch auf dieselben. Danach könnten wir sie für irgend etwas anderes halten. Außerdem wisse er selbst über die stoffliche Natur der Dämonen nichts, also auch nichts über DämonenLeichen. Es könne durchaus sein, daß man sie sich als eine Art Quallen in der Luft vorzustellen hätte, die ihre körperliche Form nach dem Tod sehr rasch verlieren.

Hmh. Und wieso sind wir in der Lage, hier so ungehindert über Dämonen zu diskutieren und die Möglichkeit ihrer Existenz zur Kenntnis zu nehmen? Novak meint, die abstrakte Erwähnung eines Dämons hätte mit dessen tatsächlicher Erscheinung so wenig gemein wie die Erwähnung der Gleichung E = M * C^2 mit der persönlichen Anwesendheit am Orte eines explodierenden KernSprengKörpers. Das leuchtet ein. Solange wir hier rumtheoretisieren, glauben wir ja nicht wirklich an Dämonen. Es gibt ja auch keine, sage ich. Novak grinst mich an. Wenn Herr Ditfurth noch am Leben wäre, dann wüßte ich ein interessantes, zusätzliches Kapitel für die nächste Auflage seines Buches. Wahrscheinlich tät er sich königlich amüsieren.

Der Horla, sage ich, von Guy de Maupassant. Ist da eventuell eine Erfahrung von Maupassant mit Dämonen verarbeitet worden? Schon möglich, sagt Novak. Dann gibt es doch noch EinzelPersonen, die Dämonen wahrnehmen können? Schon möglich. So genau wollte ich es auch nicht wissen.

Nächster AnsatzPunkt: Die BevölkerungsDichte von Dämonen. Auch eine Unbekannte. Novak gibt zu, daß es zehn Dämonen pro lebendem Menschen sein könnten, oder auch nur einer pro eintausend Menschen. Ökologische Überlegungen sprächen eher für letzteres. UnterscheidungsMerkmal ist vielleicht folgendes: Wenn die Dämonen so zahlreich sind wie Menschen, dann ist unsere WahrnehmungsVerdrängung in jedem Moment beansprucht. Sie müßte perfekt funktionieren. Wenn Dämonen jedoch sehr selten wären, dann könne sich die Anwesendheit eines Dämonen als Unwohlsein oder Krankheit auswirken, vielleicht als GeistesKrankheit.

Nix da, ist der fast einstimmige Konsens. Wenn wir jetzt anfangen, GeistesStörungen wieder auf Dämonen zurückzuführen, dann werfen wir die Psychiatrie wieder um Jahrhunderte zurück. Das können wir dem Herrn Ditfurth auch nicht antun. Der war ja Psychiater.

Was dann? Es ist so wenig greifbar. Wenn es so wäre, wie Novak sagt, dann könnte man sowenig unternehmen, um Dämonen wahrzunehmen geschweige denn sie zu bekämpfen. Oder mit ihnen zu kommunizieren, falls sie gutwillig sein sollten. Das ist jedenfalls der Konsens, der sich herausschält.

Weitere PartyGäste gehen nach Hause, als das Thema sich verläuft. Auch für mich wird es Zeit. Ich schlage das Angebot eines gepflegten AltstadtBummels aus, weil ich vermute, daß das zu weiterer AlkoholIntoxikation führt. Das ist nichts für den StoffWechsel von unsereinem.

Auch ich gehe. Die PartyGäste sind alle schon so angeheitert, daß es überhaupt nicht aufgefallen wäre, wenn ich mir die appetitlich aussehende Gabi mitgenommen hätte. Allerdings ist mein Magen verstimmt, und so muß ich für heute darauf verzichten. Auch für uns ist zuviel Fleisch nicht gut für den BluttFettGehalt.

Der Morgen graut bereits, als ich meine unheizbare DachKammer erreiche. Wie gut, daß unsereiner keinen Schlaf braucht. Aber es ist unbedingt notwendig, wenigstens einige Stunden am Tage die Maske abzulegen und in der kalten MorgenLuft auszulüften.

Es tut gut, die Flügel wieder zu strecken, sich an den Hörnern zu kratzen, die Hufe zu säubern und die Knoten aus Schweif und Penis aufzudröseln, die sonst ja nicht in die MenschenMaske passen würden, und mit den RückAugen in den MorgenHimmel zu blinzeln. Es ist eben nicht sehr einfach, sich der komischen Anatomie der Menschen anzupassen - dieser lustigen, für uns so nützlichen, soviel besser als FlederMäuse schmeckenden und manchmal mit so brillianten Ideen ausgestatteten Rasse.

http://www.herwig-huener.homepage.t-onli...a/i_pazuzu.html


Im Memoriam H. v. Ditfurth


Incende quod adorasti !

 
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